Sebastian Kneipps Meinung über die Korpulenz
nachgelesen im “Wörishofener Kur- und Badeblatt" vom 17. Januar 1896
 

In dieser Ausgabe haben wir den historischen Vortrag über die “Korpulenz" ausgewählt. Das Biertrinken spielt dabei eine besonders große Rolle.

“Leute, welche schon in frühen Jahren zur Corpulenz hinneigen, werden selten alt. Es gibt Leute, welche das ganze Jahr hindurch Durst haben; ich gebe das als möglich zu, aber diese Leute sind selbst Schuld daran: sie haben sich an den Durst gewöhnt! Das Bier, das solche Leute trinken, geht nie ganz in Fleisch und Blut über; Beweis dafür ist, dass der Stuhlgang derselben regelmässig ganz weich ist. Ich habe viele Landleute, welche das ganze Jahr hindurch keine reizbaren Speisen genossen. Ich bin bereit, mich zu verpflichten, bis Ostern kein Bier zu trinken, wenn ich in Wörishofen bleibe, wo ich eine ganz ungewürzte Kost habe. Wenn ich aber Reisen unternehme und in einem Restaurant stark gewürzte Speisen bekomme, so kann ich das nicht leisten, denn gewürzte Speisen erregen grossen Durst, sie entwickeln grosse innere Hitze, die sich nach außen in Schlafsucht zeigt. Niemand soll daher sich selbst durch reizende Speisen Durst bereiten und dann solche Getränke zu sich nehmen, welche Corpulenz verursachen, wozu an erster Stelle das Bier gehört. Will man aber durchaus Bier trinken, so begnüge man sich mit kleinen Portionen und nehme diese ganz regelmässig. - Ich war in der Mühle zu Ottobeuren als Tagwerker beschäftigt und musste als solcher Schweine und Kälber füttern. Eine ehrende Arbeit, nicht wahr? Ich musste den Kälbern jeden Abend sieben Schoppen braunes Bier geben. Damals hätte ich es lieber noch selbst getrunken. Ich fragte die Bäuerin, was das Bier den Kälbern nützen sollte. Sie antwortete: In vier Wochen sollen sie verkauft werden und das Bier gebe schwere Kälber. Das Bier hat damals allerdings bei Weitem nicht so viel gekostet, wie heute. Die Kälber wurden bei dieser Mästung wirklich ausgezeichnete Kälber. Die Anwendung dieses Beispiels auf den Menschen überlasse ich Euch.
Wenn Corpulenz im Allgemeinen auf eine verkehrte Lebensweise zurückzuführen ist, so kommen auch Fälle vor, dass Menschen, nachdem sie eine schwere Krankheit überstanden haben, schnell corpulent werden. Das ist ein schlimmes Zeichen, solche Menschen sterben bald. Man muss in diesem Falle schnell nach dem Wasser greifen, sonst kommt es zum Abreisen! Härten aber solche Leidende ihren Körper beharrlich ab, so haben sie nichts zu befürchten. Natürlich Alles mit Maass und Ziel! Eine kleine Anwendung mit einer starken, verbunden, geht am besten. Zwei Kniegüsse in der Woche und eine Abwaschung genügen für Schwächlinge. Zu viele Anwendungen bewirken das Gegenteil und stören die Transspiration, besonders wenn sie zu Hause vorgenommen werden, wo das Berufsleben den Körper anstrengt.
Bei den Biertrinkern wird vor Allem Herz und Leber angegriffen. Es ist unglaublich, was die Biertrinker verschlucken können. Ich kannte zwei Herren, der eine war Sohn eines Arztes, der andere Sohn eines Bauern. Beide studirten und lernten auch das Saufen. Einmal machten sie eine Wette, wer das Meiste trinken könne; der Sohn des Arztes trank 40 Halbe, der Sohn des Bauern 39 und musste die Wette bezahlen. Wohin führte dieses Spiel? Der Eine war in demselben Jahre geboren, wie ich, der Andere zwei Jahre jünger. Sie waren Beide besser als ich gebaut und der Vater des Einen wurde 80 Jahre alt. Beide waren in sieben Jahren todt."
Das Wasser ist bei gelinder Anwendung das einzige Mittel, verdorbene Naturen zu retten. Man darf jedoch dabei von einer langen Gewohnheit nicht plötzlich ablassen, weil die Natur an dem, was sie gewohnt ist, festhält. Wer im Bier das Heil sucht, der findet es nicht, und wer es am wenigsten trinkt, der ist am besten daran. Das Gottvatergetränk bleibt immer das Beste, von dem bekommt man keinen Rausch und der Natur thut es immer am besten.”

 

 
   

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